Am Strand

Henrik Lode: „Am Strand“

Anthologie: „Menschen am Meer“

Auf einem Handtuch im Heringsdorfer Sand sitzt Edgar und betrachtet Asche auf seinem großen Zeh. Er verkeilt den Zeh unterm Nachbarn, lässt ihn nach oben schnippen. Die Asche bleibt – eingebettet in Haaren über dem Gelenk. Edgar wiederholt die Prozedur – einmal, zweimal, dreimal – dann weht der Wind zu Hilfe. Die Asche rollt übers Handtuch und zerfällt.

Edgar ergreift sein Feuerzeug, umschirmt es mit den Händen, dreht den Kopf, dann das Rädchen, inhaliert, sinkt hintenüber und pfeift den Rauch in die Sommerluft. Sofort ergreift der Wind den Qualm, trägt ihn über den Strand – länger und dünner wird die Fahne, passiert ein Fahrrad nebst schlafendem Herrn, ein paar Möwen, eine Karten spielende Familie.

Der Vater hebt den Kopf, zieht Luft durch die Nase. Dann legt er die Karten nieder und steht auf.
Sein Junge folgt mit den Augen. „Wo will Paps denn hin?“
„Nichts weiter“, sagt die Mutter. „Kommt gleich zurück.“
Der Vater bleibt neben dem Handtuch stehen. „Entschuldigung, könnten Sie das lassen?“
Edgar blinzelt. „Was denn?“
„Das Gekiffe.“
„Wieso?“
„Weil dort mein zehnjähriger Sohn sitzt.“
Ein Ball rollt vorbei, die Möwen kreischen von dannen.
Edgar gähnt und streckt sich. „Keine Sorge“, sagt er, „knallt nicht auf Distanz.“
„Völlig egal!“ Der Vater hat die Stimme erhoben, laut hallen seine Worte. „Es geht darum, dass sie hier Drogen konsumieren.“
Bedächtig stützt Edgar sich auf, betrachtet den Jungen, der ebenfalls herübersieht und angestrengt lauscht. „Na wenigstens weiß er jetzt Bescheid.“
Der Vater beugt sich herab. „Sie machen das sofort aus!“
In der Ferne das Horn eines Dampfers.
Edgar zuckt mit den Schultern. „Ich denke, er brennt nicht mehr.“

Damit legt er sich ab, schließt die Augen, horcht nach den Wellen. Er spürt die Brise im Gesicht, die Vibrationen väterlicher Schritte, ein landendes Insekt auf dem Arm. Dann ertastet er sein Feuer und steckt sich den Joint zwischen die Lippen.

 

 

veröffentlicht in:

Menschen am Meer (Die Meeresanthologie aus dem Elbverlag.)
ISBN 978-3-941127-11-1
(Mai 2011)
© Umschlagbild: Hans Fricke

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