Berufsrisikio

Henrik Lode: „Berufsrisiko“

Anthologie: „Frühlings Farben, Frühlings Duft“

Der Autor stellt die Bierflasche ins Gras, entfaltet eine Decke und breitet sie in der Frühlingsbrise auf der Wiese aus. Er rollt seinen Mantel zusammen – Ärmel nach innen, Kapuze außen – platziert ihn im Nacken und bettet sich auf sein Lager. Block und Stift liegen bereit, die Mine aufs Papier – schon vor dem ersten Komma jedoch versiegt die Farbe. Einzig eine Rille bezeugt noch literarische Mühen.

Der Autor schüttelt den Kugelschreiber, klopft die Spitze auf den Bogen, rotiert die Mine übers Blatt – erst langsam, dann schneller – schüttelt, klopft, rotiert von Neuem, ein Farbfluss indes bleibt aus.

So tauscht der Liegende seinen Stift, widmet sich wieder dem Text. Wort sieben ist es nun, dessen Niederschrift misslingt. Abermals folgen Schütteln, Klopfen, Rotieren, Rillen – der Autor erhebt sich, durchtastet sein Etui, mustert Heftklammern, Bleibruchstückchen, vertrocknete Filze.

Die Mantelrolle optimierend sinkt er zurück auf die Decke, schließt die Augen und fällt alsbald in Schlaf.

 

 

veröffentlicht in:

Frühlings Farben, Frühlings Duft
ISBN 978-3-942688-35-2
(April 2012)
© Umschlagbild: Friederike Killmer

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