Ein guter Tag

Henrik Lode: „Ein guter Tag“

Anthologie: „Ein Hauch von Herbst“

Leiser Donner dringt sacht an mein Ohr. Von Westen zieht es dunkel herauf. Noch flutet Sonne die Bucht, dazu mich und den Steg, auf dem ich sitze.

Bald haben Wolken das Ufer erreicht. Das Licht wird seidig, die Luft wiegt schwer, Schwärme von Fliegen unter angrenzenden Bäumen. Lautlos schwimmen Enten vorbei.

Als mich erster Regen trifft, springe ich auf mein Rad. Ein Blitz erhellt die Baumkronen, ich zähle bis fünfundzwanzig und lausche dem Donner. Die Tropfen peitschen, der Wind hinterher, ich trete und lache und schaue zum Himmel.

Ein Postauto schert aus. Kotflügel trifft Gabel, dann Fuß und Pedale. Das Fahrrad schlingert, doch stürzt nicht; ich komme zum Stehen, betrachte meinen Knöchel. Eine Schramme zieht sich vom Spann zur Sohle, der Riemen der Sandale ist zerrissen.
„Es tut mir leid“, sagt der Postbote. „Ich habe Sie nicht gesehen.“
„Ich weiß“, sage ich und flüstere ein paar Zahlen. Schnell sitze ich wieder auf.
Der Fahrer ruft hinter mir her, die Worte verfliegen in Wind und Regen.

Auf dem Balkon steht mein Schaukelstuhl. Den Fuß lege ich hoch, er ist bläulich verfärbt. Ich nehme mein Notizbuch, zähle bis einundzwanzig und beginne zu schreiben:
„Leiser Donner dringt sacht an mein Ohr. Von Westen zieht es dunkel herauf.“

 

 

veröffentlicht in:

Ein Hauch von Herbst. (Anthologie)

ISBN 978-3-942688-22-2

(Oktober 2011)
© Umschlagbild: Friederike Killmer

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