Ein Platz an der Sonne

Henrik Lode: „Ein Platz an der Sonne“

„Der Maulkorb. Kurzprosa, Satire, Lyrik.“ (Ausgabe 7)

„Es ist schön hier“, sagt sie, lässt den Blick über Kirchturm und Baumkronen wandern.
„Ja“, erwidere ich, „zumindest bei gutem Wetter.“
Sie seufzt. „Ich fänd’s auch im Regen schön“.
„Eher nicht“, sage ich kopfschüttelnd. „Sind schließlich Linden.“
„Ja und?“
„Da leben Blattläuse drauf.“ Ich deute nach oben. „Honigtau. Wenn’s regnet, wird man klebrig.“
„Zum Glück scheint ja die Sonne.“
„Noch“, sage ich und nicke in Richtung grauer Wolken. „Wir sollten trotzdem umziehen.“
„Und wohin?“
Ich schaue mich um, taxiere den Rand der Wiese. „Da hinten stehen Eichen und Ahorn.“
„Und die haben keine Läuse?“
„Nicht, dass ich wüsste.“

Wir stehen auf, passieren die Kirche und einen Biergarten, besetzen eine Bank unter Eichen.
Schlagartig beginnt es zu regnen. Die Leute auf der Wiese raffen ihre Sachen zusammen und laufen auseinander. Derweil sitzen die Biergärtler unter Schirmen und wir im Schutz eichernen Blätterwerks.

So abrupt, wie er einsetzte, findet der Regen sein Ende. Die Wolken geben die Sonne frei, wir lehnen Schulter an Schulter und betrachten die Rundbögen des Glockengeschosses.
„Ich liebe dich“, sage ich.
„Ich dich auch.“
„Wir sollten uns in die Sonne setzen.“
Ihre Schulter rückt ein wenig ab. „Du willst schon wieder umziehen?“
„Warum bei Sonne im Schatten bleiben?“
„Von mir aus“, stöhnt sie. „Wohin jetzt?“
Ich weise gen Gasthaus. „Dort drüben steht eine freie Bank.“
Wir überqueren die Wiese und setzen uns neben den Biergarten.
„Es stinkt hier“, sagt sie und hebt die Nase. Auch ich schnuppere, rieche schales Bier und altes Fett. „Da hinten“, sage ich, „gibt’s noch Sonnenplätze.“
Entrüstet sieht sie mir in die Augen. „Ich steh‘ nicht noch mal auf. Was sollen denn die Leute denken?“
„Was sollen die schon denken?“
„Dass wir bescheuert sind.“
„Wieso das denn?“
„Weil wir dauernd den Platz wechseln.“
„So ein Blödsinn“, sage ich und lache. „Gibt doch gute Gründe.“
„Wissen die ja nicht“, knurrt sie und verschränkt die Arme. „Ich bleibe jedenfalls hier sitzen.“
„Im Gestank?“
„Nicht so laut!“
„Ich sprech‘ doch ganz normal.“
„Psst!“, zischt sie. „Die können uns hören.“
Ich blicke in Richtung Terrasse. Drei Herren trinken Bier und spielen Karten. „Interessiert die vielleicht gar nicht“, sage ich.
„Muss trotzdem nicht jeder mitkriegen, dass wir streiten.“
„Wir streiten?“
Zornig schaut sie mich an. „Kannst du langsam mal aufhören?“
„Ist ja gut“, sage ich versöhnlich. „Gehen wir jetzt in die Sonne?“
„Nein, gehen wir nicht!“

Und so lehne ich mich zurück, schaue andächtig auf Baumkronen und Kirche, vermeide laute Gespräche und atme durch den Mund.

 

 

veröffentlicht in:

Der Maulkorb. Literaturzeitschrift für Kurzprosa, Satire und Lyrik (Ausgabe 7)
ISSN 1865-9586
(November 2010)
© Umschlagbild: Jeanette Mörz

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