Erwartungshorizont

Henrik Lode: „Erwartungshorizont“

Literaturmagazin „Asphaltspuren“ (Ausgabe 17)

Intercity Berlin – Frankfurt, mir gegenüber eine Mutter mit Kind.
Kurz hinter Wittenberg: „Könnten Sie wohl einen Blick auf unsere Sachen werfen, während wir zur Toilette sind?“
„Kein Problem.“
Lächeln, nicken, ab aufs Klo. Ich stehe auf und werfe einen Blick auf die Sachen.

Unter dem Sitz liegt ein Koffer. Behutsam öffne ich die Verschlüsse, begutachte Blusen und Feinripp in grau.

Dann das Gepäckfach: Regenschirm, Mantel, Fliegenkadaver. Dazwischen ein Rucksack, gehört wohl der Kleinen, hinter Aufnähern ein Mix aus Spielzeug und Wäsche.

Es bleibt ein roter Beutel. Neben Flip-Flops und Zeitschriften ist es der Flachmann, der meinen Erwartungshorizont verschiebt. Sein Inhalt hinterlässt Desinfektionsgeschmack.

Als die zwei zurückkommen, blicke ich von meinem Buch auf, sage: „Ohne Befund soweit.“
Die Kleine sieht mich groß an, Mama lächelt: „Vielen Dank, sehr freundlich von Ihnen.“
Nicken, Zurücklächeln – zum Lesen bin ich bald zu müde, also schaue ich bis Erfurt aus dem Fenster.

 

 

veröffentlicht in:

Asphaltspuren. Das Zeitungstaschenbuch. (Ausgabe 17)
ISSN 1610-773X
(Juni 2012)
© Umschlagbild: Regina Holz

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Ein Kommentar zu Erwartungshorizont

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