Genügsamkeit

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„Alltag im Wort“ – Anthologie des Erwin-Strittmatter-Vereins Bohsdorf

Der Gast bestellt zwei Pizzen außer Haus: Hawaii für sich und Funghi für die hungrige Freundin daheim. Dann setzt er sich an einen Tisch und beobachtet den Bäcker bei der Zubereitung. Nicht lange, und dessen Geselle kann die fertigen Pizzen in den Ofen schieben.

Die nächste Bestellung erfolgt, Calzone und Peperoni wandern in die Backröhre.
Der Geselle verschwindet mit schmutzigem Geschirr in der Küche, der Chef schneidet Gemüse für die Auslage.

Ab und an öffnet er den Ofen, prüft Biegsamkeiten und Bräunungsgrade. Dies jedoch – so scheint dem Gast – wird nur den vorderen Pizzen zuteil. Hawaii und Funghi indes – obschon erheblich länger backend – bleiben außer Acht. Sicher aber ist der Gast sich nicht, zögernd betrachtet er das Geschehen, wohl wissend um fachmännische Vorbehalte gegen wohlmeinende Tipps von Dilettanten.

Während er noch sitzt und schweigt, haben Calzone und Peperoni ihren Garpunkt erreicht. Der Bäcker befördert sie in bereitstehende Kartons, widmet sich dann den verbliebenen Speisen. Zum Vorschein kommen eine angesengte Pizza Hawaii und eine kohlende Pizza Funghi.

Beruhigt lehnt der Gast sich zurück. Sein Eindruck hat ihn nicht getäuscht.
Der Bäcker beordert fluchend den Gesellen herbei, belehrt ihn „zum hundertsten Mal“, wie neue und alte Pizzen stets anzuordnen sind. Daraufhin wandert die angekokelte Hawaii ebenfalls in einen Karton, ihre verbrannte Begleiterin landet im Müll.

In Windeseile entsteht ein neues Backwerk. Eifrige Ofenkontrollen und Gesellenverwünschungen prägen die folgenden Minuten.
Befangen senkt der Gast den Blick. Das ganze Schauspiel nur für ihn. Zum Glück, denkt er, bin ich kein Chef.

Als die Pizza Funghi schließlich verpackt wird, lässt sich in der Blässe des Teiges der Mangel an Garzeit nur schwer übersehen. Entstandene Peinlichkeiten aber durch Kritik noch zu mehren, so taktlos möchte der Gast nicht sein.

Daheim empfängt ihn die schimpfende Freundin: Endlos gewartet, teuer bezahlt, und dann nur Rohes und Verbranntes. Man darf, belehrt sie, nicht alles schlucken; bisweilen sind Ellbogen angebracht.

Der Heimgekehrte stimmt ihr zu, die Vorwürfe scheinen angemessen.
Doch noch ist nichts verloren. Besänftigend verweist er seine Liebste aufs Sofa und eilt mit den Pizzen in die Küche. Die Funghi kommt erneut in den Ofen, äußerste Hitze für den letzten Schliff.

Der Heimgekehrte setzt sich an den Tisch und begutachtet seine Pizza Hawaii. Kalt ist sie, angeschwärzt, trocken und hart. Ein Festmahl, denkt er, für Genügsame wie mich. Zufrieden bettet er den Kopf auf die Arme, betrachtet die Backröhre, und ist nach wenigen Sekunden eingeschlafen.

 

 

„Literaturwettbewerb des Erwin-Strittmatter-Vereins: So viele Worte fürs Alltägliche“

 

veröffentlicht in:

„Alltag im Wort“ (Anthologie)
ISBN 978-3-936203-38-7
(August 2019)
© Umschlagbild: Renate Brucke & Jana Koall

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