Mohnpielen

Henrik Lode: „Mohnpielen“

„Rossipotti. Unabhängiges Literaturmagazin für Kinder.“ (Ausgabe 22)

Wenn ich aus unserem Gartentor trete, wende ich mich nach rechts. Durchs Wohngebiet, in dem alle Häuser gleich aussehen, gehe ich bis zur Feuerwehr, dann über den Markt, vorbei an der Kirche, vorm Gasthaus links – und hinein in den Wald. Hier bleibe ich stehen – außer Atem und froh, nicht vom Kurs abgekommen zu sein. Wie etwa letzte Woche, als ich Frau Seibelt traf, die altes Brot für unsere Kaninchen brachte. Sie fragte, wie’s mir geht, ob die Schule Spaß macht und wann Vater den Schuppen abdichtet. Ich wusste nichts zu sagen und dachte an den Wald.

Ich denke viel an den Wald: beim Aufwachen und Einschlafen, im Geschichtsunterricht, während der Klavierstunde. Frau Dr. Pöttel nennt so was Konzentrationsdefizit, meine Schwester behauptet, ich bin zurückgeblieben, Mutter sagt: „Wer zu viel träumt, verpasst das Leben.“ Oma meint, man kann nicht genug träumen. Leider vergisst sie all ihre Träume. Sie schläft auch nur zwei Stunden pro Nacht. Wahrscheinlich zum Träumen zu wenig.

Wenn ich groß bin, möchte ich in einem Haus wohnen, das auf einer Lichtung steht, mitten im Wald. Der Weg dorthin ist lang und verschlungen, damit nur Eingeweihte ihn finden. Omas Haus kann man vom Waldrand aus sehen. Ein Pfad führt über einen Rastplatz daran vorbei, die Arbeiter der Milchfabrik gehen ihn täglich.

Doch es gibt andere Wege zu Oma. Kriecht man am Waldrand unter Haselnusssträuchern hindurch und balanciert einen gefallenen Stamm entlang, kommt man kurz hinterm Rastplatz wieder zum Vorschein. Ein weiterer Weg beginnt bei zwei zusammengewachsenen Kiefern, die aussehen wie ein Tor. Hindurchgehen, Brennnesseln umrunden, über eine schräg gewachsene Eiche klettern – und schon ist man am Ziel.
Ich habe auf diesen Wegen noch nie jemanden getroffen. Meiner Schwester wollte ich einen davon zeigen, aber sie meinte, es ist bescheuert, im Dreck zu krauchen, statt den Rastplatz wie jeder normale Mensch zu überqueren.

Das ist eine Urkunde im jpg-Format.

„Mohnpielen“ – Gewinner des Rossipotti-Ideen-Wettbewerbs.

Im Wald suche ich mir oft einen Wanderstab. Oma hat auch einen, unter der Flurgarderobe. Er ist braun lackiert und am Griff umgebogen. Ich habe sie gefragt, wie das geht – einen Holzstab verbiegen – aber sie wusste es nicht. „Man muss nicht alles wissen“, hat sie mir erklärt. „Wenn jeder weiß, wie man Holz verbiegt, sind die Krückstockhersteller arbeitslos.“

Heute ist Dienstag, mein Lieblingstag. Ich habe Geschichte, es ist die letzte Stunde und wir reden über Feudalismus. Ich schaue aus dem Fenster und denke an den Wald. Heute ganz besonders, denn es gibt Mohnpielen bei Oma. Ich liebe Mohnpielen. Zuerst mische ich Mohn mit Zucker, dann kommen Rosinen, Mandeln und Zimt dazu. Oma kocht derweil die Milch. Sobald es Blasen gibt, kippe ich alles hinein, und wir warten, dass die Milch zu Brei wird. Jetzt folgt der beste Teil des Rezeptes: Wir setzen uns auf die Fensterbank, reißen alte Semmeln in kleine Stücke und werfen um die Wette. Oma wirft besser, fast immer trifft sie den Topf und gewinnt, doch es stört mich nicht. Sind die Semmeln alle, wird das Ganze verrührt und muss abkühlen. Oma wischt inzwischen die Küche, ich hole Kohlen aus dem Keller.
Die Mohnpielen essen wir dann direkt aus dem Topf. Wir sitzen neben der Stehlampe und Oma erzählt Geschichten. Am liebsten höre ich die von ihrem Haus – wie es dazu kam, dass das Haus im Wald steht. Ich kann sie nicht oft genug hören. Es ist die schönste Geschichte, die ich kenne.

Endlich klingelt es. Ich springe auf, schnappe meine Sachen und laufe los: Aus dem Klassenraum, die Treppe hinunter und durchs Foyer, hinterm Schultor rechts und immer geradeaus. Ich komme am Spielplatz, an der Post und den Plattenbauten vorbei. Beim Angelladen kann ich schon unser Haus sehen.
Vater steht auf dem Fußweg. Er schaut mir entgegen und scheint auf mich zu warten. Als ich vor ihm stehe, kniet er sich hin und legt mir die Hände auf die Schultern. Seine Augen sind rot, das Gesicht wirkt müde, eine Träne läuft über seine Wange. Er drückt mich schnell an sich, vielleicht, damit ich es nicht bemerke, und sagt: „Es tut mir leid, aber du kannst heute nicht zu Oma.“
Ich mache mich los. „Das geht nicht, es gibt doch Mohnpielen.“
Eine weitere Träne läuft herab und bleibt an seiner Nasenspitze hängen.
„Was ist denn mit Oma?“, frage ich.
„Sie ist eingeschlafen“, sagt er, „ganz friedlich, gestern abend, und heute nicht mehr aufgewacht.“
„Das kann nicht sein!“ Ich trete einen Schritt zurück. „Sie schläft nie länger als zwei Stunden.“
Vater ist aufgestanden und schaut auf mich herab. „Irgendwann schlafen wir alle ein und wachen nicht mehr auf. So ist das im Leben.“
„Ich muss sie wecken“, rufe ich, schlüpfe unter seinem Arm hindurch und renne los: bis zur Feuerwehr, über den Markt, vorbei an Kirche und Gasthaus, hinein in den Wald. Ich komme an den Rastplatz, laufe darüber hinweg und kann mich nicht erinnern, ihn je überquert zu haben.

Vor Omas Haus hält gerade unser Auto. Vater steigt aus. Mutter sitzt auf dem Beifahrersitz, die Hände vorm Gesicht. Ich bleibe stehen, denke an die Mohnpielen, an Oma und an die Geschichte ihres Hauses. Ich könnte sie immer wieder hören. Denn schließlich ist es auch die Geschichte meines Hauses. Ein Haus, das mitten im Wald steht, und zu dem solch lange und verschlungene Wege führen, dass nur Eingeweihte sie finden.
Es ist die schönste Geschichte, die ich kenne.

 

 

veröffentlicht in:

„Rossipotti. Unabhängiges Literaturmagazin für Kinder.
Ausgabe 22
(Mai 2010)
© Umschlagbild: Annette Kautt

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