Walpurgisnacht

Henrik Lode: „Walpurgisnacht“

„Radieschen. Zeitschrift für Literatur.“ (Ausgabe 17: Zeichen und Wunder)

Die Nacht der feiernden Hexen, auch in Berlin sind die Leute auf der Straße, lachen, singen und tanzen, einige werfen mit Steinen und spielen mit Zündhölzern. Am Görlitzer Park kauft eine Frau Schawarma, ein Urlauber aus Tirol sucht im Gebüsch sein Fahrrad.

Am Oranienplatz bringt ein Vater seinen zweijährigen Sohn zu Bett. Zuvor hebt er ihn auf den Sims des geöffneten Fensters, zusammen schauen sie herab auf Essensstände und eine wogende Menge.

Einige der Feiernden erblicken Vater und Sohn, es wird gewinkt und zurückgewinkt, mehr und mehr Leute wenden sich um, grüßen zum dritten Stock hinauf. Nicht lange, und die zwei sehen sich den Blicken Hunderter ausgesetzt.

Plötzlich bricht Jubel los, als der Junge zu tanzen beginnt: Lachend wiegt er die Hüften, beugt seine Knie, alles im Griff der väterlichen Hände. Dann hält er inne, hebt die Arme, die Menge tut es ihm gleich – noch einmal und noch einmal – und wieder Tanzen im Jubel der Aufschauenden.

Es kommt die Zeit, da das Fenster geschlossen wird. Bald schon schläft der kleine Dompteur seinen kindlichen Schlaf, nebenan hält der Vater die Zeitung im Schoß. Das Schawarma am Park ist lange verzehrt, und ein Tiroler sitzt im Nachtbus und denkt an daheim.

 

 

veröffentlicht in:

„& Radieschen 17. Zeitschrift für Literatur.
Wien
(März 2011)
© Umschlagbild: Verein „ALSO – Anno Literatur SOnntag“

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